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SCHWEINFURT
Kenner kennen keine Grenzen

Stadträte helfen mit bei der Werbung fürs Handwerk – Schwierige Suche nach geeigneten Auszubildenden

Am 20. September hat das Handwerk zum vierten Mal den „Tag des Handwerks“ veranstaltet. Das Motto lautet heuer „Können kennt keine Grenzen“. Der Hintegrund ist klar: Die Branche benötigt Nachwuchs und sucht Fachkräfte.

Stadträtin Dagmar Bebersdorf (SWL) meistert unterstützt von Damian Kratochwil einen Ölwechsel.

Stephan Kuserau (SPD) feinmechanisch tätig im Uhren- und Schmuckgeschäft von Christiane Winkler.

Stefan Labus (SWL, Mitte) helfen in der Zimmerei Feser Kützberg Anna Lena Feser und Bernhard Niedermeier.

SPD-Stadtrat Ralf Hofmann hört auf Maler-Azubi Eva Schmich von der Firma Schleemilch.

Linken-Stadtrat Frank Firsching in der Backstube mit Bäckermeister Gerhard Götz.

Stefan Funk (CSU) in Aktion mit Optikermeister Josef Strobel. 

In Schweinfurt hatten die Verantwortlichen der Kreishandwerkerschaft für diese Werbeaktion schon den Oberbürgermeister, den Landrat und auch bekannte Lehrkräfte eingespannt. Heuer sollten Stadträte zu einem „Praktikum“ bei Mitgliedsfirmen animiert werden. Sechs Volksvertreter und die Medien spielten mit. Die Handwerksbetriebe sowieso, sie suchen ja Leute, auch wegen der guten Auftragslage.

 

Frühaufsteher ist am Samstag Frank Firsching, Der Fraktionsführer der Linken steht um 5 Uhr in der Backstube der Firma Götz in Oberndorf. Bäckermeister Gerhard Götz attestiert dem Stadtrat, dass er sich „gut anstellt“, Firsching ordnet sich eher als Handlager ein. Aber darum geht es ja nicht.

 


Am 20. September hat das Handwerk zum vierten Mal den "Tag des Handwerks" veranstaltet. Das Motto lautet heuer "Können kennt keine Grenzen". Der Hintegrund ist klar: Die Branche benötigt Nachwuchs und sucht Fachkräfte.
Götz zählt sechs Beschäftigte. 2015 wird wieder ein Auszubildender gesucht. Götz hofft, einen zu finden. Wegen der Arbeitszeit ist es nämlich um Nachwuchs im Bäcker- und Konditorenhandwerk nicht so gut bestellt. Zu viele junge Menschen strebten außerdem Richtung Studium. Und drittens: Die Konkurrenz Industrie mit ihren „Super-Konditionen“, sagt Götz. Firsching lobt die Teamarbeit, er erwähnt, dass Götz Tarif zahlt und empfiehlt das allen Handwerksbetrieben.

 

Seit zwei Stunden schon bereitet Ralf Hofmann bei der Firma Schleemilch in der Werkstatt in der Hohmannstraße eine Türe zum Lackieren vor. Wie Firsching zuvor, spricht der SPD-Stadtrat in einer Pause von Demut und Riesenrespekt, den er dem Handwerk zollt. Geduldig gibt ihm Eva Schmich Ratschläge. Sie befindet sich im dritten Lehrjahr fürs Maler- und Lackierer-Handwerk. Hofmann sieht sich spöttisch als „genialen Handwerker“ und meint seine beiden linken Hände. Lehrling Schmich macht aber Mut.

 

Bei der Aktion wirkt Hofmann mit, weil er dem „wichtigen Handwerk“ helfen will, auf das Nachwuchsproblem aufmerksam zu machen. Außerdem hat er zwei Töchter, vielleicht wär's ja was für sie. Firmenchef Detlef Wörner beschäftigt elf Mitarbeiter, davon sind drei Azubis, die Auftragslage nennt er gut. Er macht kein Hehl daraus, dass die Nachwuchssuche schwer ist. Die angebotenen Praktika würden zwar gut genutzt. Er müsse aber feststellen, dass viele „die Arbeit nicht sehen“ und die, die praktisch gut seien, schulische Defizite aufwiesen. Andererseits: Das Handwerk habe Zukunft, der Beruf des Maler und Lackierers sei abwechslungsreich.

 

Es geht in den Landkreis. Bei der Zimmerei Feser in Kützberg hat Stefan Labus den 100. Nagel in einen Träger gehauen. „Das geht in die Knochen“ gibt der Fraktionschef der Schweinfurter Liste zu. Obwohl „ich weiß, wie schwer es das Handwerk hat“, zollt auch Labus den „Kollegen“ um sich herum Respekt. Anna Lena Feser, die Tochter des Hauses und 2012 Innungssiegerin und Vorarbeiter Bernhard Niedermeier geben Tipps. Labus hämmert weiter.

 

Feser zählt inklusive der Geschäftsführung elf Mitarbeiter. Auch hier ist die Auftragslage „sehr gut“, sagt Chefin Ulrike Feser. Die Zimmerer werden als die Elite am Bau bezeichnet, was vielleicht der Grund ist, dass sich schon geeigneter Nachwuchs findet. Das Problem ist, dass gute Leute nach der Ausbildung fortgingen, sei es, dass sie sich selbstständig machen oder in die Industrie wechseln.

 

Zurück nach Schweinfurt. In der Werkstatt der Autofirma Glückert hilft Mitinhaber und Kfz–Meister Damian Kratochwil der Stadträtin Dagmar Bebersdorf (Schweinfurter Liste) beim Ölwechsel.

 

Zufällig erscheint auch Kreishandwerksmeisterin und Obermeisterin der Friseure, Margit Rosentritt. Sie bestätigt, dass viele junge Leute die Berufe meiden, in denen sie sich „dreckig machen“, und dass es einen Trend zum Studium gebe. Deshalb die Werbeaktion. Sie weiß, dass Handwerker gefragt sind. „Handwerk ist eine Lebenseinstellung, man hat viel Verantwortung und viel mit Menschen zu tun“, sagt sie und fügt den altbewährten Slogan an: Handwerk hat Goldenen Boden.

 

Der Ölwechsel ist ohne größere Verschmutzung gelungen. Kratochwil ist zufrieden. Er sagt, dass er es als Hauptschüler mit Fleiß und Spaß auch zum Meister geschafft habe.

 

„Das Handwerk ist eine Lebenseinstellung.“
Kreishandwerksmeisterin Margit Rosentritt

 

In der Firma gibt es sechs Mitarbeiter, zwei sind Auszubildende, die zu finden sich schwieriger gestaltet, sagt Kratochwil. Er hat einen Trend zum Büro festgestellt und bestätigt damit Rosentritt.

 

Ihr Stellvertreter und Obermeister der Elektro-Innung, Jürgen Weth, wünscht sich eine bessere Grundausbildung in der Mittelschule. Defizite gibt es vor allem in der Mathematik, sagt er.

 

Nächste Station ist Optik Strobel in der Schweinfurter City. CSU-Fraktionschef Stefan Funk leistet dort sein Praktikum ab. Dass er bei einem Optikgeschäft „arbeiten muss“, ist Zufall: Er ist wie die anderen Stadtratskollegen ausgelost worden. Weil Brillenträger, „passt das aber“. Spannend nennt Funk die Kombination aus Handwerk, Einzelhandel und Dienstleister. Funk geht später ebenso das Wort „Respekt“ vom Mund.

 

30 Jahre ist Strobel schon in Schweinfurt ansässig, vom Wechsel von der Roßbrunnstraße ins umgestaltete Rückert-Zentrum habe man profitiert, berichtet Chef Josef Strobel. Mit ihm zählt das Team sechs Mitarbeiter, darunter ein Azubi. Rund 20 junge Leute hat er schon ausgebildet.

 

Nachwuchssuche? Nicht einfach, antwortet Strobel und nennt als Grund die Öffnungszeiten abends bis 19 oder 20 Uhr und den Samstag als Arbeitstag. Anderseits bricht er eine Lanze für den Beruf des Optikers, der neben dem Handwerk auch viel Kommunikation, also Umgang mit Menschen sei. Handwerk, Handel und Dienstleistung ist auch in der Schmuck- und Uhrenecke in der Langen Zehntstraße das Thema. Der SPD-Stadtrat Stephan Kuserau konzentriert sich dann aber aufs Handwerk. Als gelerntem Fluggerätebauer ist ihm feinmechanisches Arbeiten nicht fremd. Wenn ihn nicht das Fliegen so sehr fasziniert hätte, wäre er Uhrmacher geworden, verrät er.

 

Chefin Christiane Winkler, Uhrmachermeisterin, Goldschmiedin und Betriebswirtin, hat Kuserau in Anlehnung an das „Schörschle“ den Auftrag erteilt, ein kleines Schwein aus einem Silberblech zu schneiden. Fürwahr eine Filigranarbeit, aber es klappt. Dass auch in ihrer Branche die Nachwuchssuche nicht einfach ist, verwundert den Reporter.

 

Das Handwerk bietet insgesamt 130 Ausbildungsberufe. Viele noch folgende Veranstaltungen richten sich vor allem an Jugendliche und stellen die beruflichen Chancen im Handwerk in den Mittelpunkt. Interessierte erhalten dabei spannende Einblicke in die gar nicht schlechten Karriereperspektiven, sagen die Verantwortlichen im Handwerk.

 

Quelle: mainpost.de

Autor: Hannes Helferich